So also läuft’s in Wien
Sunday, January 28th, 2007Offiziell ist Prostitution verboten, doch das Escort-Gewerbe floriert. Fünf Monate lang lässt sich Autor Martin Auer von einer Agentur als Chauffeur anheuern, fährt die Damen durch Wien und schreibt ein Buch darüber.
Eigentlich passiert immer nur das Gleiche: Anfahrt zum “Stich”, warten, danach einige Kommentare über den Freier und gut. Daneben erfährt der Leser, wie eine Escort-Agentur organisiert wird und in welcher Lebenslage die Mädchen stecken. Auer beschreibt die meisten als kindische und hilflose Teenager, ganz ohne Plan und nur auf etwas Geld aus, um in Osteuropa eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Erschreckend aber, wie naiv und leichtsinnig die meisten von ihnen Alles-Ohne-Praktiken anbieten.
Doch dann wundert sich der Autor: Die Kollegen und Chefs der Agentur sind keine Verbrechertypen, sondern biedere Zeitgenossen, die nur ihren Job machen. Konflikte werden nicht mit Unterwelt-Methoden ausgetragen, sondern ganz zivil, und die wahren Zuhälter kriegt man nie zu sehen, da sie zuhause auf ihre Mädels warten, um ihnen die Hälfte der Einkünfte abzunehmen. Im Wiener Slang bezeichnet man diese Luden auch als “Fisch”, die in Auers Buch oft eine Frau sind.
Auer beschreibt, wie mehrere “Mädchen” (so heißen alle Mitarbeiterinnen der Agentur, auch die über 50) ins Geschäft kommen und sich wieder ausklinken. Erstaunlich, wie sich die Lebensläufe gleichen: Kaum eines der Mädchen wurde gegen ihren Willen verschleppt oder getäuscht, die meisten reisen wegen des schnellen Geldes in den Westen. Sobald genug Geld verdient ist, setzen sie sich in einen Zug nach Warschau oder Sofia, und keiner vermisst sie.
Das Buch hat weder einen Spannungsbogen noch einen dramaturgischen Höhepunkt. Es besteht fast nur aus den Gesprächen zwischen Chauffeur und seinen Damen. Was man da herauslesen möchte, bleibt jedem selbst überlassen: Die Monotonie des Hurenlebens, die Fixierung auf Geld, Hoffnung auf ein besseres Leben oder die Verachtung der Freier.
Für “Piefkes”, wie man die Deutschen in Wien gern bezeichnet, ist die Lektüre nicht immer einfach. Viele Dialoge leben von den Eigenheiten des “Wiener Schmäh” und sind daher in gnadenlosem Dialekt geschrieben.
Martin Auer: “Hurentaxi. Aus dem Leben der Callgirls.” LIT Verlag, Wien. ISBN-10: 382589939X, ISBN-13: 978-3825899394. 312 Seiten, broschiert. 24,90 Euro





